Babyboomer für den Weltladen gewinnen
Die Babyboomer – geboren zwischen ca. 1955 und 1969 – gehen in den kommenden Jahren in großer Zahl in den Ruhestand. Für Weltläden ist das eine echte Chance: Diese Generation ist die aktivste im Ehrenamt, bringt jahrzehntelange Berufs- und Lebenserfahrung mit und sucht nach dem Erwerbsleben oft ganz bewusst nach einer sinnvollen neuen Aufgabe. Dieser Artikel fasst zusammen, warum sich der Blick auf diese Zielgruppe lohnt und wie ihr sie gezielt ansprechen und einbinden könnt.
Warum die Babyboomer eine wichtige Zielgruppe sind
- Sie sind die engagierteste Generation. Die Altersgruppen 50–64 und 65+ gehören seit Jahren zu den Spitzenreitern beim Engagement in Deutschland.
- Viele planen ihr Engagement schon vor der Rente. Laut einer Körber-Stiftungs-Befragung können sich 60 % der 55- bis 65-Jährigen ein Engagement für ihre Rentenzeit vorstellen. Bei denjenigen, die schon während des Berufslebens aktiv sind, wollen sogar 84 % auch danach weitermachen.
- Das größte Potenzial liegt bei den noch Berufstätigen. Wer erst nach dem Renteneintritt neu gewonnen werden soll, ist deutlich schwerer zu erreichen als jemand, der noch mitten im Berufsleben steht. Wer schon engagiert ist, ist auch eher bereit, nach dem Eintritt in die Rente mehr zu tun.
- Auf dem Land ist die Bereitschaft besonders hoch – dreimal so hoch wie in Großstädten.
- Sie bringen wertvolle Ressourcen mit: Berufs- und Lebenserfahrung, Netzwerke, Fachwissen, Verlässlichkeit und oft eine größere zeitliche Flexibilität als jüngere Ehrenamtliche.
- Ihre Motive: gesellschaftlich etwas bewegen, Wissen weitergeben, Gemeinschaft erleben, persönliche Weiterentwicklung, eine sinnvolle Tätigkeit ausüben. Konkret am häufigsten genannt: für andere Menschen da sein, Zeit einbringen und die eigenen Fähigkeiten und Interessen nutzen. Berufliches Fachwissen wollen viele dagegen eher nicht zwingend einbringen – das persönliche Interesse steht klar im Vordergrund.
Was Boomer abschreckt
Aus Praxiserfahrungen und der Studie lassen sich klare Hürden erkennen:
- starre Verpflichtungen und Dienstpläne
- langfristige Bindungserwartungen ("auf Lebenszeit")
- komplizierte oder unübersichtliche Strukturen
- fehlende Wertschätzung
- mangelnde Flexibilität
Auch eher abschreckend wirken aus Sicht möglicher Interessierter beispielsweise ein unaufmerksamer Ladendienst, eine unfreundliche Ansprache im Laden oder eine unklare Verbindlichkeit des Dienstplans – während eine offene, freundliche Ansprache, klare Ansprechpersonen und eine einladende Atmosphäre positiv wahrgenommen werden.
Was Boomern im Ehrenamt wichtig ist
| Faktor | Warum es zählt |
|---|---|
| Klare Aufgaben & Verlässlichkeit | Definierte Rollen, klare Ansprechpartner*innen, transparente Abläufe |
| Wertschätzung/Anerkennung | Zentraler Faktor – nicht unbedingt (nur) materiell, sondern sozial und emotional |
| Flexibilität | Projektbezogene statt dauerhafte Einsätze; niemand will sich "verheiraten" |
| Qualifizierung/Fortbildung | Wird geschätzt, besonders bei digitalen Themen |
| Soziale Einbindung | Gemeinschaftserlebnisse, Austausch mit anderen Generationen |
Checkliste: Boomer gewinnen und binden
- Klare Aufgabenbeschreibung – was ist zu tun, welche Kompetenzen braucht es, wer ist Ansprechperson, wie viel Zeit wird investiert, wie ist die Versicherung geregelt?
- Persönliche Ansprache – eine direkte Einladung wirkt deutlich besser als ein allgemeiner Aufruf
- Flexibilität ermöglichen – projektbezogene Einsätze statt dauerhafter Ämter, "ein Leben neben dem Ehrenamt" anerkennen
- Gute Einarbeitung & Begleitung – Einführungsgespräch, klare Strukturen, regelmäßige Rückmeldungen, feste Ansprechperson
- Qualifizierung anbieten – z. B. digitale Kompetenzen, Kommunikation, rechtliche Grundlagen
- Gemeinschaft schaffen – Teamtreffen, Austauschformate, gemeinsame Aktivitäten
- Aufgaben passend zu Erfahrung & Interesse wählen – z. B. Verkauf, Öffentlichkeitsarbeit, Dekoration, Buchhaltung, technische Unterstützung des Weltladen-Teams, Mentoring, Organisation
- Grenzen respektieren – keine Überforderung, keine Erwartung ständiger Verfügbarkeit, Freiwilligkeit betonen
- Vielfalt wertschätzen – Offenheit für mitgebrachte Kompetenzen und verschiedene Lebensentwürfe
Praxistipps für das Erstgespräch: Nehmt euch Zeit (mindestens 60 Minuten einplanen), hört wirklich zu und schafft eine wertschätzende Atmosphäre (Raum, Getränke). Persönlicher Austausch geht vor – wo möglich, lieber ein Gespräch in Präsenz anbieten als nur digitale Wege.
Wo ihr die Zielgruppe erreicht
Interessierte Babyboomer sind selten in klassischen Vereinsstrukturen organisiert. Umso wichtiger ist es, sie dort abzuholen, wo sie sich ohnehin bewegen:
- Aktiv, aber nicht organisiert: Fitnessstudios (vormittags), Reha-Sportgruppen, Schwimmbäder, Wandergruppen, Tanzschulen, Kunst-/Keramik-/Fotokurse
- Orte des täglichen Lebens: Supermärkte, Apotheken, Arztpraxen, Physiotherapie, Optiker/Hörakustiker, Bäckereien und Cafés
- Bildungsorte: Volkshochschulen, Senioren-Universitäten, Bibliotheken, digitale Einstiegskurse
- Übergang in den Ruhestand: betriebliche Vorruhestandsseminare, Personalabteilungen, Betriebsräte, Berufsverbände – hier stellen sich viele gerade die Frage "Was mache ich jetzt mit meiner Zeit?"
- Nachbarschaft: Nachbarschaftstreffs, Mehrgenerationenhäuser, Stadtteilfeste, Repair-Cafés
- Digital: lokale Facebook-Gruppen, nebenan.de, Messenger-Nachbarschaftsgruppen
- Klassische Medien: Lokalzeitungen und Gemeindeblätter werden von den Befragten am häufigsten als bevorzugter Informationskanal genannt, dicht gefolgt von der persönlichen Ansprache durch Organisationen und Verbände.
- Lokale Ehrenamtsmessen & digitale Freiwilligenbörsen: Wer bereits gezielt nach Möglichkeiten sucht, sich zu engagieren, kann hier auf euch aufmerksam werden.
Überlegt euch, welche der genannten Orte ihr gezielt für die Ansprache nutzen könnt – z. B. mit Flyern oder Aushängen, einem Infostand oder "Botschafter*innen" aus dem Ladenteam (die sich ohnehin in dem Kontext bewegen, den ihr erreichen wollt), mit einer kleinen Sponsoring-Aktion für ein Nachbarschaftsfest oder der Einladung in euren Laden zu einem unverbindlichen Kennenlern-Abend mit Produktverköstigung etc.
Praktische Handlungsempfehlungen
- Feste Ansprechperson benennen – jemand, der*die für Ehrenamts-Interessierte klar erreichbar ist.
- Bereits Engagierte weiter motivieren – wer schon aktiv ist, ist auch eher bereit, mehr zu übernehmen. Sichtbare Anerkennung (z. B. ein Artikel in der Lokalzeitung, ein kleiner Dank bei Veranstaltungen) hält Menschen bei der Stange.
- Persönlich ansprechen und informieren – am wirkungsvollsten über Info-Veranstaltungen, Aushänge, Printmedien und direkte Einladungen; vorher überlegen, wen genau ihr für welche Aufgabe sucht.
- Menschen noch im Beruf ansprechen – wer schon berufstätig ist, ist leichter zu erreichen und bringt sich später eher tatsächlich ein als jemand, der bereits in Rente ist.
- Niedrigschwellige Hürden abbauen – Engagement so gestalten, dass es auch mit gesundheitlichen Einschränkungen oder ohne eigene finanzielle Mittel möglich ist. Mobilität ist eine zentrale Barriere – z. B. durch Fahrgemeinschaften oder flexible Zeiten entgegenwirken.
- Über finanzielle Wertschätzung von Ehrenamtlichen nachdenken – z. B. Ehrenamtspauschale, kleine Wertschätzungen, ggf. Vergünstigungen. Dies wird von der Zielgruppe ausdrücklich als Anreiz genannt.
- Punktuelles, projektbezogenes Engagement ermöglichen – statt fester Dauerämter lieber befristete Einsätze oder ein geteiltes Ehrenamt anbieten.
- Wertschätzend begegnen – diese Generation ist selbstbewusst und bringt Kompetenzen auf Augenhöhe ein; das sollte sich in der Zusammenarbeit widerspiegeln.
Boomer im Zusammenspiel der Generationen
Die Gewinnung von Babyboomern sollte nicht isoliert betrachtet werden, sondern im Zusammenhang mit dem Thema Generationen im Weltladen insgesamt. Unterschiedliche Generationen bringen unterschiedliche Wissens- und Erfahrungsbestände mit – die Frage ist also nicht nur, was Boomer für den Weltladen tun können, sondern auch, wo Team und Boomer voneinander lernen können. Wer gezielt Boomer gewinnt, sollte außerdem im Blick behalten, dass auch jüngere Interessierte weiterhin einen guten Zugang finden, damit sich die Altersstruktur im Team nicht einseitig verfestigt. Generationenvielfalt ist damit kein Randthema der Ehrenamtsgewinnung, sondern ein Querschnittsthema für den ganzen Weltladen.
Fazit
Die Babyboomer sind eine "schlummernde Engagementreserve": Deutlich mehr Menschen wären grundsätzlich offen für ein Ehrenamt, als aktuell konkret planen, eines aufzunehmen. Wer sie gewinnen will, muss sie persönlich ansprechen, dort abholen, wo sie sich bewegen, und ihnen ein flexibles, wertschätzendes Umfeld bieten – kein Selbstläufer, aber mit klarer Struktur gut zu erreichen.
Erstellt: Juli 2026
Quellen
- Handout "Babyboomer als Ehrenamtliche", Juni 2026, Annika Stegmaier, Referentin Fachtage-Workshop
- Engagiert euch, Boomer!, Körber-Stiftung, September 2024